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Frauen geben niemals auf

Ab sofort als E-Book im Kindle-Store

 

Frauen geben niemals auf

24 Kurzgeschichten – nicht nur für Frauen

Spannend

Kommissarin Kolbe muss zwei völlig unterschiedliche Kriminalfälle aufklären

Gefühlvoll

Ein Mann versteckt zwei Kinder vor ihren Verfolgern und was geschah in der Nacht?

Dramatisch

Eine Fahrt in der Straßenbahn und eine Schiffsreise können sehr gefährlich sein

Humorvoll

Was passiert in einer Familie in der Advents- und Weihnachtszeit?

Politisch

Was geschah am Bloody Sunday und im Diamantengebirge?

Sportlich

König Fußball und eine Urlaubsreise in die Berge

 

 


 

Inhalt

Damals

In letzter Sekunde

Ich war immer auf der Flucht

Nichts als die Wahrheit

Bloody Sunday

Gestohlen

Achtunddreißig

Das Haus Nummer

Der Winter, in dem es Schokolade schneite

Habt keine Angst

 

Heute

Zwanzig Minuten

Parker ist ein guter Junge

Das Haus in der Fußgängerzone

Das vierte Baby

Rote Rosen

Fußball ist sein Leben

Rot oder Schwarz

Der Hund

Ab in die Berge

Es ist immer Zeit für Currywurst

Der Adventskranz

Alle Jahre wieder

Der Weihnachtsbaum

Ihr Kinderlein kommet

Es geschah in der Nacht

 


 

Leseprobe aus

In letzter Sekunde

»Happy Birthday Oma! Alles Gute und noch ein langes Leben!«

Ich sah in die strahlenden Gesichter der Familienrunde und lächelte – was für ein frommer Wunsch!

Die Augen von meinem Ur-Urenkel leuchteten und er trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. »Jetzt musst du alle Kerzen ausblasen!«

»Dabei hilfst du mir aber«, sagte ich und schaute auf die riesige Schokoladentorte, auf der nicht nur die Zahl 100 mit Eierlikör geschrieben war, sondern auch genauso viele Kerzchen steckten – zumindest nahm ich das an, nachgezählt hatte ich natürlich nicht.

Mit vereinten Kräften bliesen wir die Kerzen aus, bei der letzten klatschten alle begeistert in die Hände. Meine Enkelin, die erst vor wenigen Tagen ihren fünfzigsten Geburtstag gefeiert hatte, überreichte mir feierlich einen Umschlag.

»Herzlichen Glückwunsch! Das ist von uns allen.«

Ich schmunzelte. Was hatte sich die Bande da wohl wieder ausgedacht? Für eine Frau von hundert Jahren war es nicht einfach, etwas Passendes zu finden. Ein Konzertbesuch vielleicht? Hoffentlich nicht so etwas Verrücktes wie ein Fallschirmsprung, den eine Altersgenossin von mir vor einiger Zeit absolviert und mit dem Satz kommentiert hatte: »Im nächsten Jahr will ich noch mal springen!« Keine zehn Pferde würden mich dazu bringen, aus einem Flugzeug zu springen und darauf zu hoffen, dass dieses hauchdünne Tuch sich über mir öffnete. Aus dem liebevoll mit Kleeblättern und Herzchen beklebten Umschlag zog ich eine Karte heraus. Ich stutzte. Es war eine Fahrkarte, jedoch nicht für einen Fallschirmsprung, sondern für eine Schifffahrt.

Ich schluckte. Eine Kreuzfahrt von Sues in Ägypten über Aden, Mombasa, Durban und Kapstadt und dann über den Atlantik nach Kanada. In diesem Moment setzte mein Herz aus und ich glaubte, es würde keinen einzigen Schlag mehr tun.

»Oma, was ist?«

»Du bist ja ganz blass!«

»Ist dir nicht gut?«

»Das war alles viel zu viel für sie!«

»Ein Glas Wasser, schnell!«

Jemand riss das Fenster auf und die klirrende Kälte holte mich zurück. Mein Herz schlug wieder. Erst langsam, wie ein gequälter rostiger Motor, dann immer schneller. Irgendjemand tupfte mit einem feuchten Waschlappen auf meiner Stirn herum, ein zweiter fächerte mir mit der Tageszeitung Luft ins Gesicht und ein dritter fühlte mit feuchten Fingern meinen Puls am Handgelenk.

Mein Ur-Urenkel hielt mir ein Glas mit eiskaltem Leitungswasser vor die Lippen.

»Hier Oma, trink!«

Ich trank. Nicht nur ein Glas, sondern drei. Langsam normalisierte sich mein Pulsschlag, und die Gesichter meiner Geburtstagsgäste entspannten sich ein wenig.

»Sollen wir dich ins Krankenhaus bringen?«

»Unsinn«, entfuhr es mir.

»Gott sei Dank, sie spricht wieder!«

»Was war denn los?«

»Freust du dich denn gar nicht über unser Geschenk?«

Ich sah in die Runde. Alle sahen mich mit angsterfüllten Augen an und schienen für einen Moment die Luft anzuhalten.

»Ihr Lieben«, begann ich, »ich weiß, ihr habt es gut gemeint und wolltet mir mit dieser Reise eine besondere Freude machen.«

Ich stockte. Die Erinnerung an damals war mit einem Mal so klar, so deutlich, als hätte jemand in einem stockfinsteren Keller Licht angeknipst. Jeder Moment lief wie ein Film im Schnellvorlauf vor meinen Augen ab.

»Aber?«

Ich schaute meine Enkelin irritiert an.

»Was?«

»Du freust dich ja gar nicht. So eine Kreuzfahrt ist doch etwas ganz Tolles, du siehst viele fremde Länder und wirst nach Strich und Faden verwöhnt. Wir haben die schönste Kabine für dich reserviert!«

»Es gibt da etwas, was ihr nicht wisst.«

Ich atmete tief durch, bevor ich fortfuhr. Alle starrten mich an. Keiner sagte ein Wort, nur das Ticken der Wanduhr war zu hören.

...

 


 

Leseprobe aus

Das Haus in der Fußgängerzone

Der Tote lag mit grotesk verrenkten Gliedern am Fuße der Kellertreppe. An der niedrigen Decke hing eine Uralt-Funzel, die ein schummriges gelbes Licht auf seine schlanke Gestalt warf. Vorsichtig tappte Kathrin die kurzen, dafür aber steilen Stufen hinunter und hielt sich krampfhaft an dem hölzernen Handlauf fest. »Pass bloß auf, das ist mordsgefährlich hier!«

Ihr Assistent Ralf musste seine Füße seitlich auf die Stufen aufsetzen, um nicht in die Tiefe zu stürzen. »Das ist bestimmt nicht der erste, der sich hier den Hals gebrochen hat!«

Kathrin beugte sich über den Mann und leuchtete mit einer Taschenlampe in sein Gesicht. Den vierzigsten Geburtstag würde er nicht mehr feiern. Sein friedlicher Gesichtsausdruck passte so gar nicht zu der Position, in der er vor ihren Füßen lag. »Abwarten, Ralle. Lassen wir den Doc entscheiden, wie er zu Tode gekommen ist.«

»Hundert Euro, dass der hier den Abflug gemacht und sich das Genick gebrochen hat. Hältst du mit?«

Vorsichtshalber blieb Kathrin in der Hocke und ließ den Lichtstrahl von unten langsam über die ausgetretenen Holzstufen nach oben wandern. »Hm, mal sehen. Unfall oder Mord?«

Ralf leuchtete mit seiner Lampe einmal rundum. »Unfall. Nirgendwo Kampfspuren.«

»Na gut. Dann sag ich Mord. Aber nicht hier an der Treppe.« Sie hielt ihm die Hand hin, Ralf grinste und schlug ein. »Der Hunni ist schon so gut wie meiner. Komm hoch.« Es kostete ihn einige Kraft, sie hochzuziehen.

»Danke, Ralle. Wer hat den Toten gefunden?«

»Ein Opa aus der ersten Etage. Der Tote ist übrigens der Eigentümer des Hauses.«

Langsam stieg Kathrin die Stufen wieder hinauf. Mit jedem Schritt besserte sich der muffige Geruch, denn die alte Haustür stand offen und ließ die frische, leicht rauchige Novemberluft hinein. Liebevoll fuhr Kathrin über die kunstvoll verzierte Tür des Hauses, das laut der Jahreszahl über der Tür fast einhundertzwanzig Jahre alt war. Sie trat auf die Straße und musterte die alte, reichhaltig mit Stuck geschmückte Fassade, die sich nach oben hin verjüngte. Es war ein schmales Haus, das sich elegant in die aus der Gründerzeit stammenden Häuserzeile der kurzen Sackgasse schmiegte und bis unter den Giebel vier Etagen maß. War dies der erste Mord, den du gesehen hast? Bestimmt hütest du viele Geheimnisse, aber dieses wirst du mir preisgeben.

»Bei dem Toten handelt es sich um Maximilian von Lehndorff. Zweiunddreißig Jahre alt. Jüngster Spross der Familie von Lehndorff. Die besitzen eine Menge Häuser hier in der Stadt, alles beste Wohnlage.« Ralf stand neben ihr und tippte auf sein Tablet. »Schätze, das reiche Bürschchen wollte mal nach dem Rechten sehen und zack! vielleicht zu viel Koks oder sonst was konsumiert und dann abgestürzt. Im wahrsten Sinne des Wortes.« Er grinste.

»Du hast den Fall also schon gelöst«, sagte Kathrin und rümpfte die Nase. Zwar war Ralle keiner von den jungen Kollegen, aber er hatte doch deren unangenehme Angewohnheit übernommen, jeden Fall mit dem Tablet und mit Hilfe des Internets lösen zu wollen. Sie zog da mehr die gute, alte Ermittlungsmethode vor. Mit den Leuten sprechen, zu ihnen in die Wohnungen gehen, in ihre Welt eintauchen und in deren Haut schlüpfen.

»Willst du den Opa sprechen?« Ihr missfälliger Blick war Ralf nicht entgangen.

»Ich will alle Bewohner fragen, ob sie etwas gesehen oder gehört haben. Wir fangen oben unter dem Dach an und arbeiten uns nach unten vor.«

»Wie du meinst.«

Langsam stiefelten sie die Holztreppe zur Hochparterre hinauf. Bei jedem Schritt knarrte und knarzte es unter ihren Füßen. Dass es so etwas noch gibt, dachte Kathrin. Ein Haus, das lebt und atmet. Bereits in der ersten Etage war sie außer Atem. Sie musste abnehmen. Dringend. Wie oft hatte sie sich das vorgenommen und doch nicht umgesetzt. Oder das x-te Mal mit einer brandneuen Diät angefangen und wieder abgebrochen. Zu viel Arbeit, zu viele Verbrechen, zu viel Frust. Erst brauchte sie Schokolade, um den Tag zu überstehen. Dann die Nudeln am Abend, die immer noch die beste Medizin waren, und um Entspannung zu finden, gerne ein Glas Rotwein dazu. Wenn sie ehrlich zu sich war, eher zwei. Und so ächzte sie hier hoch, das war eben die Quittung. Egal, man lebte nur einmal. Jetzt war es ihre Aufgabe, denjenigen zu finden, der dafür verantwortlich war, dass der Mann, der da unten im Keller lag, sich keinen Nudelbauch mehr anfuttern konnte.

»Lass uns doch lieber zuerst mit dem Mann sprechen, der den Toten gefunden hat.« So konnte sie erst mal wieder zu Luft kommen.

Ralf warf ihr einen Seitenblick zu und drückte auf eine Türklingel.

...

 


 

Leseprobe aus

Ab in die Berge

»Wir sollten mal was Neues ausprobieren«, sagte mein Mann.

Ich traute meinen Ohren nicht. Hatte er das wirklich gesagt? Prompt hatte ich mich bei der E-Mail vertippt. Mein Göttergatte, Inbegriff des Hüters der Tradition in unserer Familie, schlug vor, etwas Neues auszuprobieren. Er, der bei jeder Gelegenheit erklärte, wir müssten doch nichts ändern in und an unserem Leben, alles sei gut so, wie es seit einer gefühlten Ewigkeit laufe. Dieser Mann, dem ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert den Zuschlag fürs Leben gab, wollte plötzlich etwas Neues ausprobieren. Was war in ihn gefahren? Ich linste über den Monitor meines Laptops und suchte in seinem Gesicht nach Hinweisen, die diese mysteriöse Ankündigung erhellen könnten, doch er saß mit einem Pokerface in seinem Lieblingssessel, vor der Brust das Tablet, auf dem er die digitale Ausgabe unserer Sonntagszeitung las.

»Und an was hast du gedacht?«

»Seit Ewigkeiten reisen wir im Urlaub an die See. Wir könnten nächstes Jahr doch mal in die Berge fahren.«

Ein wahrlich überraschender Vorschlag aus seinem Mund, hatte ich doch meinen Teddy bisher weder als Wanderfreund und schon gar nicht als Kletterkünstler im Hochgebirge kennengelernt.

»Wie kommst du drauf?« fragte ich und schickte die E-Mail ab.

»Hier schau mal«, präsentierte er mir die Urlaubsseite in der Sonntagsausgabe. Dort prangten auf einem atemberaubenden Panoramabild in schönstem Sonnenlicht die Berge der Sellagruppe.

»Südtirol?«

»Sieht toll aus, nicht wahr?«

»Das tut es. Du möchtest also nächsten Sommer wandern?«

»Warum denn nicht? Wäre doch mal eine nette Abwechslung.«

»Bisher hast du mir erfolgreich verheimlicht, dass du ein passionierter Wanderer und Bergsteiger bist.«

»Man muss mal was Neues ausprobieren.«

Die Sache kam mir unheimlich vor. Jahrelang hatte er von Strand, Sonne und der Luft an unserer Nord- und Ostseeküste geschwärmt, und jetzt wollte mein Flachlandtiroler plötzlich in die Höhe? Was war bloß passiert? Meine ungewohnte Sprachlosigkeit verwirrte ihn und er legte nach.

»Ein bisschen Bewegung tut uns sicher gut. Gerd hat das auch gesagt.«

Aha, daher wehte der Wind. Sein Fußballkumpel Gerd war wie jedes Jahr mit seiner Frau wandern. Offensichtlich hatte er meinen Teddy während eines gemeinsamen Nachmittags im Fußballstadion davon überzeugt, dass Bewegung oder gar Sport, den man selber ausführt und nicht nur als Fan begleitet, der Gesundheit zuträglich sein kann. Mir war dies bisher noch nicht gelungen, aber der Prophet im eigenen Hause zählt ja bekanntermaßen nicht viel. Zum besseren Verständnis sollten Sie wissen, dass Gerd höchstens zwei Drittel des Kampfgewichts meines Bärchens auf die Waage bringt.

»Da solltest du aber vorher trainieren, damit wir das auch schaffen.«

Er hatte meinen Einwand vorhergesehen und wartete mit einem klaren Plan auf. »Wir könnten an den Wochenenden schon mal ein paar Ausflüge ins Sauerland machen.«

»Soso«, sagte ich. »Du meinst, dass ein- oder zweimal im Sauerland herumspazieren genug Vorbereitung ist, um zum Grödner Joch zu klettern?«

»Meinst du nicht

Manchmal konnte er herrlich naiv sein. Aber seine Augen leuchteten wie die unserer Jungs, als die noch klein waren und sich auf Weihnachten freuten. Sollte ich ihm das mit meinen Bedenken vermiesen? Im Stillen freute ich mich ja auch auf eine Abwechslung. Die Sache war also abgemacht, im nächsten Sommer würden wir in die Berge fahren.

In den ersten Monaten des neuen Jahres schleifte ich ihn in den örtlichen Fitnessclub. Eine Grundfitness konnte nicht schaden. Dann folgten ab Mai drei Wochenenden im Sauerland, zusammen mit Gerd und Petra. Für uns legten die beiden geübten Wanderer ein gehöriges Tempo vor.

»Macht mal langsam«, sagte ich, »wir müssen uns erst eingewöhnen.«

Aber auch langsam war für uns und vor allem für meinen Göttergatten schon eine ordentliche Herausforderung. Wie sollte das erst in Südtirol werden?

Der erste Urlaubstag brach an, und nach einer mehr als zwölfstündigen Anfahrt, die durch unzählige Staus unerbittlich in die Länge gezogen wurde, erreichten wir erschöpft unser Domizil. Vom Fenster aus konnten wir das herrliche Bergpanorama in der untergehenden Abendsonne bewundern. Doch in mir keimte die bange Frage auf, wie wir es dort hinaufschaffen sollten?

...